Kaiserstuhl-Radweg

Auf den Spuren eines Vulkans. Eine Radtour voller Geschichten und Genuss.

Es gibt Radtouren, bei denen zählt vor allem das Ziel. Und dann gibt es jene, bei denen man immer wieder vom Rad steigt, obwohl die Beine eigentlich noch weiterfahren könnten. Weil ein Blick hängen bleibt. Weil jemand eine Geschichte erzählt. Oder weil der Duft reifer Früchte plötzlich wichtiger wird als der nächste Kilometer. Genau so fühlt sich eine Runde auf dem Kaiserstuhl-Radweg an.

11.07.2026

Von Stephanie Reisenberger

 

Die Sonnencreme ist längst aufgetragen, mein Rucksack mit Getränken und Vesper gepackt. Das E-Bike ist startklar. Gemeinsam mit Kaiserstühler Gästeführerin Christine Fichter möchte ich heute den Kaiserstuhl umrunden und den benachbarten Tuniberg erradeln.

Rund 60 Kilometer liegen vor uns – gut ausgeschildert, überwiegend auf asphaltierten Rad- und Wirtschaftswegen und damit bestens geeignet für Tourenräder, Gravelbikes und alle, die mit elektrischer Unterstützung entspannt unterwegs sein möchten.

Vor allem aber führt uns diese Runde auf die Spuren eines Vulkans. Vor rund 16 Millionen Jahren entstand hier eine Landschaft, deren Geschichte bis heute sichtbar ist: in den Gesteinen am Wegesrand, in den fruchtbaren Lössböden, in den Weinbergen und Obstgärten. Wer den Kaiserstuhl-Radweg fährt, umrundet deshalb nicht einfach eine Weinlandschaft – er entdeckt mit jedem Pedaltritt die Geschichte eines ehemaligen Vulkans.

Von Gottenheim hinein in die Weinlandschaft

Unser Startpunkt ist Gottenheim. Dank der Breisgau-S-Bahn erreichen Radfreunde den Ort bequem aus Freiburg. Auch für den Rückweg oder eine verkürzte Etappe bietet die Bahn eine angenehme Möglichkeit, die Tour flexibel zu gestalten. Wir entscheiden uns heute jedoch für die komplette Runde.

Schon kurz nach dem Ortsausgang begleitet uns der Mühlbach. Sein leises Plätschern gibt den Takt für die ersten Kilometer vor. Rechts und links ziehen Felder vorbei, während der Blick immer wieder zu den sonnenbeschienenen Rebhängen wandert. Darüber erhebt sich der Totenkopf – mit 557 Metern die höchste Erhebung des Kaiserstuhls. Im Laufe des Tages wird er uns immer wieder begegnen und sich doch jedes Mal aus einer neuen Perspektive zeigen.

Über Bötzingen, eine der ältesten Weinbaugemeinden Badens, erreichen wir zunächst das Wein- und Gemüsedorf Eichstetten. Zwischen Gemüsefeldern, Reben und den typischen Winzerhöfen wird schnell deutlich, wie vielfältig die Landschaft am Kaiserstuhl ist. Kurz darauf rollen wir durch Bahlingen, dessen markant über dem Ort gelegene Bergkirche schon von Weitem den Blick auf sich zieht.

Bereits auf den ersten Kilometern wird deutlich, was den Kaiserstuhl-Radweg so besonders macht: Zwölf Weinbaugemeinden liegen entlang der Strecke – jede mit eigenem Charakter, eigener Geschichte und ihrer ganz persönlichen Verbindung zu dieser über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft.

„Im Naturgarten Kaiserstuhl lohnt es sich, neugierig zu sein“, sagt Christine lächelnd. „Hinter der nächsten Kurve wartet fast immer eine kleine Entdeckung.“ Lange müssen wir darauf nicht warten.

Kleine Geschichten am Wegesrand

Kurz vor Riegel bremst Christine plötzlich ab. „Schau mal dort drüben.“ Ich folge ihrem Blick und entdecke zunächst … nichts. Erst beim zweiten Hinsehen zeichnet sich zwischen Gras und Sträuchern die gewaltige Figur der „Mutter Erde“ ab. Die über zwanzig Meter lange Lehmskulptur entstand als Umweltkunstwerk und erinnert daran, wie eng Mensch und Natur miteinander verbunden sind. Heute scheint sie beinahe wieder mit ihrer Umgebung zu verschmelzen – fast so, als würde sich die Natur ihr Kunstwerk zurückholen.

Auch Riegel selbst erzählt Geschichten. Zwischen Fachwerkhäusern stoßen wir auf die Reste eines römischen Mithras-Tempels. Schon vor fast zweitausend Jahren siedelten hier die Römer. Geschichte begegnet einem im Naturgarten Kaiserstuhl oft ganz beiläufig – nicht nur in Museen, sondern mitten in der Landschaft.

Wenig später rollen wir durch die historische Altstadt von Endingen. Das Kopfsteinpflaster bringt unsere Räder zwar kurz zum Holpern, doch genau deshalb steigen wir gerne ab. Zu schön sind die kleinen Gassen, inhabergeführten Geschäfte und gemütlichen Plätze, um einfach hindurchzufahren. Denn genau davon lebt der Kaiserstuhl-Radweg: nicht vom schnellen Vorankommen, sondern von den Momenten dazwischen.

Hinter Endingen verändert sich die Landschaft erneut. Obstplantagen begleiten unseren Weg. Kirschen, Zwetschgen, Äpfel und Pfirsiche reifen hier direkt neben den Weinbergen. In Königschaffhausen fällt das Weiterfahren entsprechend schwer. Der Ort ist weit über die Region hinaus für seinen Obstbau bekannt. Ein fruchtiges Obsteis aus einer kleinen Eismanufaktur auf die Hand gehört an diesem Sommertag deshalb einfach dazu – eine kleine Belohnung, bevor wir unsere Runde fortsetzen. Während wir unser Eis genießen, wandert Christines Blick über die sanften Hügel. „Eigentlich verdanken wir auch das alles dem Vulkan.“ Ein Satz, der mich den Rest des Tages begleiten wird. Denn je weiter wir radeln, desto häufiger begegnen uns seine Spuren.

Wo der Vulkan sichtbar wird

In Sasbach erzählt Christine plötzlich nicht mehr vom Wein, sondern vom Feuer. Genauer gesagt von jenem Vulkan, der den Kaiserstuhl vor rund 16 Millionen Jahren entstehen ließ. Kurz darauf hebt sie einen unscheinbaren Stein vom Wegesrand auf. Rostrote, schwarze und helle Einschlüsse durchziehen das Gestein. „Limburgit.“ Ich hätte ihn vermutlich achtlos liegen lassen. Tatsächlich trägt dieses seltene Vulkangestein seinen Namen nach dem nahegelegenen Limberg. Plötzlich wird die Erdgeschichte greifbar. Was heute sanfte Weinberge sind, war einst ein mächtiges Vulkangebirge. Geblieben sind seltene Mineralien, fruchtbare Böden und eine Landschaft, deren Ursprung bis heute sichtbar ist.

Wenig später stellen wir unsere Räder am Fuße der Limburg ab. Über eine schmale Treppe gelangen wir hinauf zur Burgruine. Vor uns liegen die Rebhänge des Kaiserstuhls, der Rhein, die Vogesen und in der Ferne die Europastadt Breisach. Ein perfekter Moment für eine Pause.

Wieder im Sattel rollen wir hinunter Richtung Jechtingen. Die Weinberge begleiten uns wieder auf Schritt und Tritt. Kurz hinter dem Ort bremst Christine erneut ab. „Schau mal – weißt du, was hier wächst?“ Mein Blick fällt auf ein Feld, das von einem Drahtgerüst überspannt wird. Riesige Blätter bilden ein dichtes grünes Dach. „Das ist eine amerikanische Unterlagsrebe“, erklärt Christine. Was zunächst unscheinbar erscheint, erzählt eines der spannendsten Kapitel der europäischen Weinbaugeschichte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen hier ausschließlich europäische Reben – bis die Reblaus kam. Der winzige Schädling befiel die Wurzeln der Rebstöcke und brachte den Weinbau in weiten Teilen Europas beinahe zum Erliegen. Die Rettung kam aus Amerika. Deren Reben besitzen widerstandsfähige Wurzeln und dienen bis heute als Unterlage für die europäischen Edelreben. Oberirdisch wachsen weiterhin Grauburgunder, Spätburgunder oder Weißburgunder – unter der Erde sorgen die robusten Wurzeln der amerikanischen Rebe dafür, dass die Rebstöcke gesund bleiben. „Ohne sie gäbe es viele unserer Weinberge heute vermutlich gar nicht mehr“, sagt Christine. Ich blicke noch einmal auf das Feld. Wieder ist es so eine Entdeckung, an der man ohne Ortskenntnis vermutlich einfach vorbeigeradelt wäre.

Zwischen Rheinauen und Geschichte

Wir setzen unseren Weg fort und rollen wenig später ein Stück auf dem Rheinradweg dahin. Schon bald verlassen wir ihn wieder und tauchen in die Rheinauen ein. Kaum verändert sich die Landschaft, verändert sich auch die Stimmung.

Unter dem dichten Blätterdach wird es angenehm kühl. Vogelstimmen begleiten unseren Weg, Licht fällt durch die Baumkronen und der Weg schlängelt sich ruhig durch diesen besonderen Lebensraum am Fluss. Eben noch standen wir zwischen warmen Weinbergen, vulkanisch geprägten Hängen und am Fuße des Rheins, nun tauchen wir ein in den Auenwald.

Am Wegesrand entdecken wir die Burgruine Sponeck. Ihre Geschichte reicht weit zurück. Bereits die Römer nutzten diesen strategisch wichtigen Platz am Rhein, später entstand hier eine Höhenburg. Auch hier zeigt sich: Der Kaiserstuhl erzählt seine Geschichten nicht nur über Landschaft und Genuss, sondern auch über Menschen, die diese Region über Jahrhunderte geprägt haben.

Als sich der Wald wieder öffnet, fällt unser Blick auf das Schwendi-Schloss. Burkheim ist erreicht. Für die letzten Meter hinauf in die historische Altstadt schieben wir unsere Räder lieber. So bleibt Zeit, die engen Gassen, alten Häuser und den besonderen Charme des Weinortes auf uns wirken zu lassen. Burkheim ist einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer wird. Eine gemütliche Einkehr gehört deshalb unbedingt dazu.

Breisach – europäische Geschichte am Rhein

Wieder auf dem Rad öffnet sich die Landschaft vor uns. Und schon von weitem erkennen wir das Stephansmünster, das weithin sichtbar über den Dächern Breisachs thront.

Dass Breisach heute den Titel Europastadt trägt, kommt nicht von ungefähr. Bereits 1950 sprach sich die Bürgerschaft als erste Stadt Europas in einer Volksabstimmung für ein geeintes und friedliches Europa aus. Die Lage am Rhein und die enge Verbindung zum benachbarten Elsass prägen die Stadt bis heute.

Auf dem Marktplatz herrscht reges Leben. Kinder springen lachend durch die Wasserfontänen, Gäste sitzen in den Straßencafés und genießen den Nachmittag. Die Nähe zu Frankreich ist spürbar – ein wenig Savoir-vivre liegt in der Luft. Auch wir gönnen uns eine Pause, bevor wir weiterfahren.

Über den Tuniberg zurück zum Ausgangspunkt

Kurz hinter Breisach begleiten uns erneut die Weinberge. Entlang des Ihringer Winklerbergs zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie eng Landschaft und Weinbau miteinander verbunden sind. Christine erzählt von den unterschiedlichen Böden, den Lagen und davon, wie sehr Klima und Vulkan den Weinbau bis heute prägen. Der Vulkan hat nicht nur die Landschaft geformt. Er beeinflusst bis heute, was hier wächst und was die Menschen daraus machen.

Von Ihringen aus richtet sich unser Blick auf den Tuniberg. Über Merdingen erreichen wir den nächsten Abschnitt unserer Tour. Vielen Radsportbegeisterten ist der Ort seit Jahrzehnten ein Begriff. Mitten im Ort fällt unser Blick auf die Barockkirche St. Remigius.

Mit sanften Serpentinen gewinnen wir langsam an Höhe. Und plötzlich verändert sich die Perspektive. Hinter uns liegt der Kaiserstuhl, den wir heute fast vollständig umrundet haben. Vor uns öffnet sich der Blick weit über die Landschaft: über Freiburg hinüber zum Schwarzwald. Nach all den kleinen Entdeckungen des Tages wirkt diese Weite wie ein ruhiger Abschluss.

Viel länger bleiben die Bilder im Kopf: die fast überwachsene „Mutter Erde“ in Riegel, das fruchtige Obsteis in Königschaffhausen, ein unscheinbarer Limburgit, der plötzlich Millionen Jahre Erdgeschichte erzählt, die amerikanische Unterlagsrebe, ohne die es viele Weinberge heute vermutlich gar nicht gäbe, die kühlen Wege durch die Rheinauen oder der Blick von der Limburg über die Weinlandschaft bis hin zu den Vogesen.

Der Kaiserstuhl-Radweg verbindet nicht einfach zwölf Weinbaugemeinden miteinander. Er verbindet Landschaften, Geschichte, Genuss und die vielen kleinen Entdeckungen am Wegesrand. Und vielleicht liegt genau darin sein besonderer Reiz: Man fährt nicht nur rund um eine Vulkanlandschaft. Man fährt durch eine vielfältige Landschaft, die bis heute vom Vulkan erzählt.

 

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"Kaiserlich Radfahren"

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