
Texaspass
Wie der Wilde Westen an den Kaiserstuhl kam
Zwischen den Weinbauorten Oberbergen und Kiechlinsbergen liegt ein Ort, der offiziell „Auf dem Eck“ heißt – und doch längst anders genannt wird: Texaspass.
Eine Wanderung mit dem Kaiserstühler Gästeführer Gerd Salwey führt dorthin, wo ein spontaner Vergleich aus dem Radsport zum Namen wurde. Eine Geschichte über die Weinbaulandschaft, Erinnerungen und ein Stück Wildwest-Gefühl am Kaiserstuhl.
14.05.2026
Von Stephanie Reisenberger
Der Wind weht mir die Haare ins Gesicht. Er streicht über die Reben, bewegt die Gräser am Wegrand. Der Kaiserstühler Gästeführer Gerd Salwey erwartet mich und ein paar weitere Wanderer auf dem oberen Wanderparkplatz „Auf dem Eck“ und lässt den Blick heimatverbunden über die Landschaft schweifen.
„Hier öffnet sich ein ganz besonderer Panoramablick über den Kaiserstuhl bis hin zu den Vogesen“, sagt er. Wir stehen auf dem Texaspass – gebannt vom ersten Eindruck, den die Landschaft auf uns hat.
Mitten hinein in den Kaiserstuhl
Schon die Anfahrt verändert etwas. Als ich von Oberbergen hinauffahre, habe ich das Gefühl, mitten in den Kaiserstuhl einzutauchen – mit jeder Kurve ein Stück tiefer in die einstige Vulkanlandschaft. Kaum sichtbar und doch ganz nah liegt der eigentliche Krater nur unweit entfernt. Schon nach wenigen Windungen wird die Landschaft weiter, offener, aussichtsreicher. In meinen Ohren liegt das leise Surren von Rennrädern. Einige rollen bergab, andere arbeiten sich hinauf – jeder in seinem eigenen Takt, Kurve für Kurve.
Oben am Wanderparkplatz angekommen, ziehe ich mir erst einmal eine Weste über. Die „kalte Sophie“, die letzte der Eisheiligen, ist noch deutlich zu spüren. Doch die Sonne bahnt sich ihren Weg. Das dunkle Vulkangestein speichert die Wärme – im Sommer kann es sich auf bis zu 60 bis 70 Grad erhitzen, verrät mir unser Gästeführer später – und gibt sie jetzt schon spürbar zurück. Ein Ort im Wandel, innerhalb weniger Minuten.
Der Parkplatz zeigt schnell, was dieser Übergang zwischen Oberbergen und Kiechlinsbergen heute ist: ein Treffpunkt für Rennradfahrer, Mountainbiker, Wanderfreunde – und für alle, die einfach stehen bleiben und den Blick wirken lassen.
„Sonntags um 10“ – unterwegs mit den Kaiserstühler Gästeführern
Wir queren die Straße und folgen dem Wanderweg. Vorbei an einer artenreichen Blütenwiese, an einem Wanderpärchen, das auf einer Bank die Sonne genießt. Von der Straße ist kaum noch etwas zu hören. Stattdessen begleitet uns Vogelgezwitscher.
Die Wanderung ist Teil der Reihe „Sonntags um 10“, bei der die Kaiserstühler Gästeführer von Mai bis Oktober zu geführten Touren einladen und dabei besondere Einblicke in ihre Heimat, die Naturlandschaft, Flora und Fauna sowie Wein, Geschichte und Genuss ermöglichen.
Gerd Salwey führt mich und einige andere Wandergäste heute vom Texaspass Richtung Mondhalde. Und mit jedem Schritt wird klar: Es geht hier nicht nur ums Wandern. „Am Wegesrand entdeckt man oft die spannendsten Geschichten.“
Ein Name, der nicht geplant war
Ein Name, der keiner Marketing-Kampagne entstammt. „Der Texaspass hat offiziell einen anderen Namen“, verrät uns Gerd Salwey. „Er heißt eigentlich ‚Auf dem Eck‘. Doch unter diesem Namen kennt ihn kaum jemand.“
Die Geschichte, die sich durchgesetzt hat, führt zurück in die 1970er-Jahre – in eine Zeit, als Rennradfahrer den Kaiserstuhl längst für ihre Trainingsfahrten entdeckt hatten. Einer von ihnen war der deutsch-rumänische Rennradamateur Alexander Siwina, der damals für den RSV Freiburg fuhr. Bei einer Trainingsfahrt von Kiechlinsbergen hinauf soll ihm beim Blick auf die geschwungene Straße durch die Reblandschaft ein Satz herausgerutscht sein:
„Das sieht ja aus wie Texas hier.“
Gemeint war der Straßenverlauf, der sich wie ein Lasso durch die Weinberge zieht. Ein spontaner Vergleich. Fast beiläufig ausgesprochen. Aber einer, der sich festsetzte.
Als das Radsportevent RegioTour den Pass regelmäßig in ihren Streckenverlauf aufnahm, verbreitete sich der Name immer weiter – zunächst in der Radsportszene, später auch weit darüber hinaus.
Der Name passte. Nicht geografisch – aber emotional. Weite statt Enge. Offene Linien statt klarer Kanten. Ein Ort, der sich anders anfühlt, als sein nüchterner Name „Auf dem Eck“ vermuten lässt.
Heute ist der Texaspass längst mehr als eine Passage im Streckenprofil. Er ist ein Stück Kaiserstuhl-Gefühl geworden – für Rennradfahrer, Genusswanderer und auch Oldtimerfahrer, die die kurvige Strecke schätzen.
Eine Region erleben heißt: Einblick bekommen
Wir gehen weiter. Aussichtsreicher kann ein Wanderweg kaum sein, denke ich. Doch es ist nicht nur der Blick, der fesselt. Es sind die Geschichten und Informationen, die unser Wanderführer immer wieder einbindet.
Die Lössschicht, die sich am Kaiserstuhl teils bis zu 30 Meter über das Vulkangestein gelegt hat. Ameisenlöwen, die sich im feinen Lössboden eingraben und auf Beute warten. Die Vielfalt und Entwicklung der Rebsorten. Und immer wieder diese Linien der Rebterrassen, die sich durch die Landschaft ziehen – fast wie gezeichnet.
„Viele genießen hier die Aussicht“, sagt Gerd Salwey unterwegs. „Dabei vergisst man leicht, dass die Weinberge weit mehr sind als nur schöne Landschaft.“ Tatsächlich ist der Kaiserstuhl für die Winzer täglicher Arbeitsort – und genau diese Arbeit prägt das Bild, das heute so viele Menschen genießen.
Für Gerd Salwey ist der Kaiserstuhl ebenfalls mehr als Landschaft. Sein Vater hat noch mit Pferden die ersten Rebterrassen angelegt – ein Stück Arbeit, das man sich heute kaum noch vorstellen kann. „Am Anfang hat man viel ausprobiert“, erzählt er. „Und musste auch lernen, dass die Ausrichtung der Hangneigung entscheidend ist – dass Kaltluft zirkulieren muss, damit die Reben nicht erfrieren.“ Erfahrungen, die die heutige Form der Landschaft geprägt haben.
Plötzlich raschelt es im Gebüsch. Für einen kurzen Moment sehe ich eine Eidechse, die sich ebenfalls über die zunehmende Wärme freut.
Immer wieder kommen uns Menschen entgegen. „Grüß Gott“, „Bonjour“, „Hi“ – der Kaiserstuhl wirkt international, ohne seine Ruhe zu verlieren.
Mondhalde – Genuss mit Aussicht
Am Pavillon der Mondhalde angekommen, herrscht Leben. Unser Zwischenziel hätte passender kaum sein können. Im Zeitraum von Mai bis Mitte Juni wird der Pavillon im Rahmen der Vogtsburger Weinhöhen zur Genussstation. Wein, Brezeln, Landjäger – und vor allem Gespräche.
Doch nicht nur der Wein bleibt in Erinnerung. Es ist der Austausch mit Winzern, Einheimischen, der Einblick, das Erzählen. Ein weiteres Puzzlestück dieser Landschaft.
Zurück zum Texaspass
Auf dem Rückweg folgen wir dem Katharinenpfad, vorbei am Geißensee – einer ursprünglichen Gumpe, die einst als Tränke für Ziegen diente.
Als wir wieder am Wanderparkplatz ankommen, hat sich die Szenerie verändert. Radfahrer stehen beisammen, tauschen sich aus. „Ich wollte schon immer einmal auf den Texaspass“, sagt eine von ihnen. „Heute habe ich es endlich gewagt.“ Sie lacht. „Gar nicht so schwer – langsam, aber in meinem Tritt.“ Die Aussicht habe sie getragen, sagt sie. Kurve für Kurve. Ein Stück näher ans Ziel. Ich ziehe innerlich den Hut und denke: Irgendwann werde ich den Texaspass auch mit dem Rad erklimmen.
Ein Ort, der bleibt
Vielleicht ist es genau das, was den Texaspass ausmacht. Dass man ihn nicht nur einmal erlebt. Sondern immer wieder anders. Als Wanderer. Als Radfahrer. Oder einfach als jemand, der stehen bleibt und in die Landschaft schaut.
INFOS
Fakten: Texaspass auf einen Blick
- Lage: Verbindung der Kaiserstühler Weinbauorte Oberbergen und Kiechlinsbergen
- Höhenlage: 385m ü. NN
- Besonderheit: markanter Übergang mit Panoramablick auf den inneren Kaiserstuhl
Karte & weitere Infos zum Texaspass >>
Wandertour: „Sonntags um 10“
- Veranstaltungsreihe: Mai – Oktober 2026 der Kaiserstühler Gästeführer
- 2-stündige, geführte Wandertouren zu Natur, Geologie, Wein und Geschichte des Kaiserstuhls
- Insider-Tipps von ausgebildeten Gästeführern