
Ein Perspektivwechsel
Wie fühlt es sich an, lautlos über den Kaiserstuhl zu schweben?
Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Fliegen? Nein. Ballonfahrer würden mich an dieser Stelle sofort verbessern. Ein Ballon fliegt nicht. Er fährt. Er besitzt keinen eigenen Antrieb und folgt allein dem Wind. Gesteuert wird lediglich die Höhe. Und genau das durfte ich an einem frühen Sommermorgen mit dem Ballonteam Dägele erleben.
12.08.2026
Von Ulrike Weiß
Der Wecker klingelt mitten in der Nacht. Um 5.15 Uhr treffen wir uns am Schützenparkplatz in Endingen. Noch liegt die Landschaft im Halbdunkel, nur wenige Autos sind unterwegs. Noah Dägele und sein Begleiter begrüßen uns entspannt – als wäre es das Normalste der Welt, den Tag in einem Heißluftballon zu beginnen.
Noah kennt man übrigens nicht nur als Ballonpiloten. Hauptberuflich ist er Hauptamtsleiter der Gemeinde Sasbach. Dass beides erstaunlich gut zusammenpasst, merkt man schnell. Ruhig, konzentriert und mit einer Gelassenheit, die sofort Vertrauen schafft, erklärt er jeden Handgriff.
Der Wind bestimmt den Weg
Wohin die Reise geht? Das entscheidet heute allein der Wind.
Wir fahren hinaus ins Grüne. Auf einer großen Wiese beginnt langsam der Tag. Um 5.55 Uhr schiebt sich die Sonne über dem Schwarzwald über den Horizont und taucht den Kaiserstuhl in ein warmes, goldenes Morgenlicht.
Vor uns liegt ein großer schwarzer Ballon mit der Aufschrift „Kaiserstuhl – Wein vom Vulkan“. Noch ruht die Hülle flach auf der Wiese. Erst langsam füllt sie sich mit Luft. Dann lodern die Flammen des Brenners. Mit jeder Minute richtet sich der Ballon weiter auf, bis er schließlich riesig vor uns steht.
Während der Ballon vorbereitet wird, wächst die Vorfreude – und zugegeben auch die Nervosität. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Lautlos über den Reben
Mit leicht wackeligen Knien steige ich in den Korb. Nicht, weil ich Höhenangst habe. Sondern einfach, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Vielleicht geht es vielen so. Man stellt sich den Moment des Abhebens spektakulär vor. Ich zumindest habe mit einem Kribbeln im Bauch gerechnet.
Doch dann passiert etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe. Kein Ruck. Kein Adrenalinkick. Kein Gefühl des Abhebens. Die Erde entfernt sich einfach langsam unter uns. Fast unmerklich. Für einen Moment scheint die Zeit langsamer zu laufen.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum selbst Menschen mit Höhenangst oft überrascht sind, wie angenehm sich eine Ballonfahrt anfühlt. Man steht nicht an einer Kante, blickt nicht nach unten und spürt keine Geschwindigkeit. Stattdessen gleitet der Korb ruhig und gleichmäßig dem Himmel entgegen. Nur das tiefe Fauchen des Brenners unterbricht hin und wieder die Stille.
Zunächst fahren wir über den Wald. Und dann öffnet sich plötzlich die Landschaft. Vor uns geht die Sonne über dem Schwarzwald auf. Erst zaghaft, dann immer kräftiger taucht sie den Kaiserstuhl in dieses warme, goldene Morgenlicht, das man eigentlich nur ganz früh am Tag erlebt.
Ich ertappe mich immer wieder dabei, gar nicht zu fotografieren. Ich schaue einfach. Diese Ruhe. Diese Weite. Dieses Licht. Es fühlt sich nicht an, als würden wir durch die Luft fahren. Es fühlt sich an, als würde die Landschaft langsam unter uns vorbeiziehen. Genau in diesem Moment fällt jede Anspannung von mir ab.
Den Kaiserstuhl neu entdecken
Vor uns liegt der Kaiserstuhl.
Der Wind trägt uns quer durch den Vulkan. Vorbei an der Katharinenkapelle, dem Badberg, dem Texaspass, dem Totenkopf, der Mondhalde und Burkheim. In der Ferne entdecke ich den Münsterberg in Breisach, der von hier oben plötzlich ganz klein wirkt.
Mit jedem Kilometer eröffnet sich eine neue Perspektive. Die Weinberge erscheinen wie ein kunstvoll gelegtes Mosaik, dazwischen ziehen sich helle Lösshohlwege durch die Landschaft. Besonders faszinieren mich die Rheinauen. Von oben wird erst richtig sichtbar, wie sich dieses grüne Band entlang des Rheins durch die Landschaft schlängelt. Kurz darauf gleitet der Ballon lautlos über den Rhein – und schon sind wir in Frankreich.
Und plötzlich wird mir bewusst: Wir sind in Endingen gestartet. Ohne Schranke. Ohne Grenzkontrolle. Ohne es überhaupt zu bemerken. Der Wind trägt uns ganz selbstverständlich über eine Landesgrenze hinweg. Eine schönere Art, Grenzen zu überschreiten, kann ich mir kaum vorstellen.
Ich kenne den Kaiserstuhl. Zumindest dachte ich das. Doch dort oben hatte ich das Gefühl, ihn zum ersten Mal zu sehen. Erst aus der Luft wird sichtbar, wie harmonisch sich Weinberge, Wälder, Dörfer, Rheinauen und der Vulkan zu einer einzigartigen Landschaft zusammenfügen. Und wieder einmal wird mir bewusst, wie außergewöhnlich der Kaiserstuhl eigentlich ist.
Darf ein Ballon eigentlich überall landen?
Diese Frage stellte sich mir irgendwann ganz automatisch. Tatsächlich besitzt ein Heißluftballon keinen festen Landeplatz. Wo gelandet wird, entscheidet der Pilot erst kurz vor dem Ende der Fahrt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Fläche geeignet ist und Rücksicht auf Menschen, Tiere und die Bewirtschaftung genommen wird.
Unsere Fahrt endet schließlich auf einem Acker bei Vogelgrun im Elsass. Kurz vor der Landung gibt Noah noch ein paar letzte Anweisungen. Brillen und Handys sollten sicher verstaut werden – sie seien bei früheren Fahrten schon das eine oder andere Mal dem Boden zum Opfer gefallen. Außerdem erklärt er uns die richtige Haltung im Korb.
Während wir uns ganz auf die Landung konzentrieren, hat sein Begleiter draußen bereits alle Hände voll zu tun. Nachdem das Seil abgelassen wurde, zieht er den Ballon noch rechtzeitig von einer laufenden Sprinkleranlage weg. Davon bekommen wir im Korb kaum etwas mit. Die Landung selbst verläuft erstaunlich sanft. Der Korb setzt auf, hüpft noch zwei- oder dreimal über den Acker und kommt schließlich sicher zum Stehen – genau so, wie Noah es angekündigt hatte.
Vom Passagier zum Ballonadel
Mit der Landung endet die Fahrt noch lange nicht. Denn jeder Erstfahrer wird traditionell getauft. Die Ballontaufe hat eine jahrhundertealte Tradition. Früher glaubte man, dass nur Adelige den Himmel bereisen durften. Deshalb erhält bis heute jeder Ballon-Erstfahrer einen eigenen Adelstitel.
Natürlich gehört auch ein kleines Ritual dazu. Eine Haarsträhne wird symbolisch angesengt, dazu erzählt Noah die Geschichte hinter diesem Brauch. Mit einem Schluck Sekt und der feierlichen Ernennung ist die Taufe schließlich vollzogen. Spätestens jetzt ist aus einer Gruppe von Mitfahrenden eine kleine Ballonfamilie geworden.
Ein Morgen, der bleibt
Als wir wenig später wieder Richtung Kaiserstuhl zurückfahren, begleitet mich vor allem ein Gedanke. Ich scrolle durch die Fotos auf meinem Handy. Sie sind schön. Aber sie zeigen nur einen kleinen Teil von dem, was dieser Morgen wirklich war. Es gibt Erlebnisse, die sich kaum fotografieren lassen. Man muss sie fühlen. Diese unglaubliche Ruhe. Das warme Morgenlicht. Das lautlose Dahingleiten über einer Landschaft, die man zu kennen glaubt und doch völlig neu entdeckt. Vielleicht ist genau das das KaiserGefühl. Ein Morgen, den ich so schnell nicht vergessen werde.
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