
Weinerlebnis im Rebberg
Genussrucksack
Genussrucksack - Drei Weine, viele Geschichten
Wie kommt die Farbe in den Rotwein? Was machen Löss und Vulkanboden mit dem
Geschmack im Glas? Und warum schmeckt Wein dort besonders gut, wo er wächst?
Gemeinsam mit der Kaiserstühler-Tuniberger Weinprinzessin Natascha Berwing habe
ich mich mit einem Genussrucksack auf eine mobile Weinprobe durch die Rebberge der
Weinbaugemeinde Ihringen begeben und dabei den Naturgarten Kaiserstuhl Schritt
für Schritt, Glas für Glas und mit allen Sinnen entdeckt.
29.06.2026
Von Stephanie Reisenberger
„Eigentlich braucht es gar nicht viel für einen perfekten Tag am Kaiserstuhl.“
Natascha Berwing schultert den Weinrucksack, wirft einen kurzen Blick Richtung
Weinberge und lächelt. Die Bereichsweinprinzessin Kaiserstuhl-Tuniberg weiß, wovon
sie spricht. Schließlich verbringt sie viele Wochenenden damit, die Weinregion
Kaiserstuhl-Tuniberg auf Weinfesten, Veranstaltungen und Weinproben zu vertreten.
Heute jedoch stehen keine offiziellen Termine auf dem Programm.
Heute geht es hinaus in die Reben.
Unser Ziel: eine mobile Weinprobe durch die Weinlandschaft von Ihringen. Im Gepäck
haben wir einen Genussrucksack aus der Tourist-Information Ihringen mit gekühlten
Weinen, zwei Gläsern, Wanderkarte und MP3-Player. Als Route haben wir uns den rund
3,4 Kilometer langen Wendelin-Wiedehopf-Weg ausgesucht. Eigentlich als
Familienwanderweg konzipiert, führt er durch Hohlgassen, vorbei an Aussichtspunkten
und mitten hinein in die einzigartige Löss- und Reblandschaft des Kaiserstuhls.
Wein im Blut
Der Weg von der Tourist-Information zum Ausgangspunkt unserer Tour ist nicht weit.
Genug Zeit jedoch, um Natascha etwas besser kennenzulernen. Schon nach wenigen
Minuten wird deutlich, dass ihre Verbindung zum Wein weit über ihr Amt als
Weinprinzessin hinausgeht. „Ich war gerade einmal zwei Wochen alt, als ich zum ersten
Mal mit meinen Eltern in den Weinberg durfte“, erzählt sie.
Ihre Eltern bewirtschaften in Eichstetten Reben im Nebenerwerb. Das damals neu
angelegte Rebstück wurde später zu einem ihrer persönlichen Lieblingsorte. Ein Ort,
der bis heute Heimatgefühle auslöst.
Die Leidenschaft blieb. Nach dem Studium der Internationalen Weinwirtschaft in
Geisenheim arbeitet sie heute bei einem renommierten Weinbaubetrieb der Region.
Gleichzeitig vertritt sie als Weinprinzessin ehrenamtlich die Weinregion.
Man merkt schnell: Die Krone trägt sie nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus
Überzeugung.
Auf den Spuren von Wendelin Wiedehopf
Am Ortsrand folgen wir der Schlichtengasse Richtung Friedhof. Dort empfängt uns
bereits die Symbolfigur des Weges: Wendelin Wiedehopf.
Mit seiner aufälligen Federhaube ist der Wiedehopf kaum zu übersehen. Weniger
bekannt ist allerdings seine etwas ungewöhnliche Verteidigungsstrategie: Fühlt er sich
oder seinen Nachwuchs bedroht, sondert er ein übelriechendes Sekret ab, das
Störenfriede auf Abstand hält. Auch sein charakteristischer Wellenflug fällt sofort ins
Auge. Mal steigt er auf, mal taucht er wieder ab – fast so, als hätte er bereits das eine
oder andere Glas Kaiserstühler Wein genossen.
Entdeckt haben wir den Namensgeber des Weges an diesem Morgen zwar nicht. Dafür
wartet bereits ein anderer gefiederter Botschafter des Naturgartens Kaiserstuhl auf uns:
An der Vogelbeobachtungshütte eröffnet sich der Blick auf eine mächtige Lösswand,
durchzogen von unzähligen kleinen Brutröhren.
Hier nisten die Bienenfresser. Die farbenfrohen Vögel haben in den Lösswänden ideale
Brutbedingungen gefunden und gehören längst zu den bekanntesten Botschaftern
unserer Region. Als Zugvögel kehren sie jedes Frühjahr aus ihren
Überwinterungsgebieten in den Naturgarten Kaiserstuhl zurück und ziehen im
Spätsommer wieder in den Süden. Beim Anblick der schillernden Flugkünstler wundern wir
uns daher nicht, dass uns Naturfotografen mit langen Teleobjektiven begegnen. Damit
die Tiere ungestört brüten können, sollte man die Lösswände jedoch nicht betreten,
sondern von der Vogelbeobachtungshütte aus Ausschau halten. Ein Fernglas lohnt sich
dabei allemal – und bietet faszinierende Einblicke in das Leben der farbenprächtigen
Vögel.
Der Kaiserstuhl prickelt
Für uns ist dieser Platz jedoch vor allem eines: Die perfekte Location für die erste
Weinprobe. Zum ersten Mal öffnen wir den Weinrucksack. Eine gut gekühlte Flasche
Secco kommt zum Vorschein. Die Gläser klirren leise und über den MP3-Player
lauschen wir spannenden Geschichten rund um die Wein- und Kulturlandschaft.
Während wir auf die Lösswand blicken, verrät mir Natascha etwas, das ich bislang nicht
wusste. „Viele setzen Secco mit Prosecco gleich. Dabei sind das zwei unterschiedliche
Produkte.“ Während italienischer Prosecco aus der Rebsorte Glera hergestellt werde, handle es sich bei Secco meist um einen Perlwein, der häufig aus verschiedenen Rebsorten komponiert werde. Unser Secco besteht aus Muskateller und Rivaner. Wir riechen. Und tatsächlich steigt sofort die typische Muskateller-Aromatik in die Nase.
„Secco ist im Weingesetz nicht deklariert“, erklärt Natascha weiter. „Rechtlich spricht
man eigentlich von Perlwein.“ Secco ist somit der umgangssprachliche, moderne Begriff für Perlwein.
Und was macht den Unterschied zum Sekt aus? Beim Secco wird Kohlensäure zugesetzt. Eine zweite Gärung wie beim Sekt findet nicht statt. Dadurch ist er oft leichter und fruchtiger.
Während die Morgensonne bereits angenehm wärmt, genießen wir den ersten Schluck
Secco und den Blick über die Weinlandschaft. Spätestens jetzt steht fest: Besser kann
ein Tag am Kaiserstuhl kaum beginnen.
Was der Boden mit dem Wein macht
Wir schultern die Rucksäcke und ziehen weiter durch die Weinberge. Vorbei an
imposanten Lösswänden stellt sich mir eine Frage: Wie viel Landschaft steckt eigentlich
im Wein?
„Mehr als man denkt“, antwortet Natascha. Der Kaiserstuhl sei geprägt von zwei sehr
unterschiedlichen Bodentypen. Während Löss oft fruchtbetonte, zugängliche Weine
hervorbringe, sorge vulkanisches Gestein für mehr Mineralität, Struktur und Komplexität.
Plötzlich betrachte ich die Landschaft mit anderen Augen. Der Boden unter unseren
Füßen ist nicht nur Kulisse. Er prägt den Charakter dessen, was später im Glas landet.
Ein kleines Weinseminar mitten im Rebberg
Unmittelbar unter der Oberen Dulltalhütte bleiben wir an einem kleinen Rebschaugarten
stehen. „Jetzt machen wir einen Winzer-Test“, lacht Natascha. Zwischen den einzelnen
Rebstöcken erklärt sie mir, wie Weinfreunde verschiedene Sorten bereits anhand der
Blätter erkennen können.
Auf einmal achte ich auf Einkerbungen, Blattformen und die feinen Härchen der jungen
Triebe – Details, die mir bisher nie aufgefallen sind. Und tatsächlich: Je länger man
hinsieht, desto deutlicher werden die Unterschiede, zum Beispiel zwischen Burgunder
und Müller-Thurgau. Die Kostprobe bleibt allerdings aus. Für die Weinlese müssen wir
uns noch bis Ende August gedulden.
Grauburgunder mit Aussicht
Die Obere Dulltalhütte bietet genau das, wonach wir an diesem warmen Sommertag
gesucht haben: Schatten. Noch mehr genießen wir jedoch die Aussicht. Von hier
schweift der Blick über Ihringen, den Tuniberg, das Elsass und bis hin zu den Vogesen.
Wir schalten den MP3-Player ein, öffnen erneut den Weinrucksack und schenken den
Grauburgunder ein. Seine intensive goldgelbe Farbe fällt sofort ins Auge.
„Viele Gäste denken, dass möglichst viele Trauben automatisch für einen besseren
Wein sorgen“, erklärt Natascha. „Für die Qualität eines Weines ist allerdings die reduzierte Menge der Trauben ausschlaggebend.“
Die Trauben des Grauburgunders, welchen wir im Glas halten, stammen aus
ertragsreduzierten Rebanlagen. Bereits Monate vor der Lese gehen die Winzer durch die
Rebzeilen und entfernen bewusst einen Teil der Trauben. Oft wird dabei die untere Hälfte
der Traube abgeschnitten. Die verbleibenden Beeren erhalten dadurch mehr Kraft, mehr
Zucker und mehr Aromen. Die ganze Energie des Rebstocks konzentriert sich auf
weniger Früchte – und genau das macht sich später im Glas bemerkbar.
Wir halten die Nase über den Wein. Aprikose. Quitte. Honigmelone. Dazu ein Hauch
Holzfass. Der gehaltvolle Grauburgunder macht Appetit. Gut, dass wir Käse und frisches
Baguette eingepackt haben. Während wir vespern, schweift der Blick immer wieder über
die Weinlandschaft.
„Wo schmeckt Wein eigentlich am besten?“, frage ich. Natascha muss nicht lange
überlegen. „In Gesellschaft. Wenn Menschen zusammenkommen, sich austauschen
und gemeinsam schöne Erinnerungen schaffen.“ Während wir auf die Weinberge
blicken, erscheint diese Antwort vollkommen logisch.
Burgunderland Kaiserstuhl
Gestärkt setzen wir unseren Weg fort. Vorbei an Rebterrassen entdecken wir plötzlich
eine blühende Palmlilie, auch Weinbergs-Yucca genannt. Ihre fast mannshohen
Blütenstände ragen weithin sichtbar aus der Landschaft.
Unterwegs kommen wir auf die Frage, welcher Wein eigentlich typisch für den
Kaiserstuhl ist. „Ganz klar die Burgunderfamilie“, sagt Natascha. Weißburgunder.
Grauburgunder. Und natürlich Spätburgunder. Kaum eine andere Rebsortenfamilie prägt
die Region so stark wie diese.
Die Farbe des Rotweins
Eine kleine Bank am Rand einer Lösshohlgasse wird zu unserer letzten
Verkostungsstation. Wir öffnen die dritte und letzte Flasche des Tages.
Spätburgunder.
Tiefrot schimmert der Wein im Glas. In die Nase steigen Aromen von Brombeeren und
dunklen Früchten, begleitet von einem feinen Hauch Holzfass.
„Welche Farbe hat der Saft der Spätburgunder-Traube eigentlich, bevor er zum Rotwein
wird?“, fragt Natascha.
Als Tochter eines Nebenerwerbswinzers kenne ich die Antwort zwar bereits, dennoch
fasziniert sie mich immer wieder. Denn das Fruchtfleisch der Traube ist nahezu farblos.
Zerdrückt man die Beeren, entsteht zunächst ein heller, leicht roséfarbener Saft.
Erst während der Maischegärung erhält der Wein seine charakteristische Farbe. Dabei
vergärt der Most gemeinsam mit den Beerenschalen. Über mehrere Tage lösen sich
Farbstoffe und Aromakomponenten aus der Schale und gehen in den Wein über.
Wir nehmen den ersten Schluck. Kräftig. Fruchtbetont. Charaktervoll.
Plötzlich wird aus der Theorie Geschmack. Das Ergebnis all dieser Arbeit schimmert
tiefrot in unseren Gläsern – ein Spätburgunder, wie er typischer für den Naturgarten
Kaiserstuhl kaum sein könnte.
Mehr als eine Weinprobe
Den Wiedehopf haben wir auf unserer Tour heute leider nicht entdeckt. Dafür haben wir
etwas anderes gefunden. Zwischen Lösswänden, Rebhängen und Aussichtspunkten
wurde aus einer Wanderung eine Entdeckungsreise durch die Weinwelt des Naturgarten
Kaiserstuhls.
Wir haben erfahren, wie Böden den Wein prägen, warum Winzer bewusst Trauben
abschneiden, weshalb Secco nicht gleich Prosecco ist und wie Rotwein zu seiner Farbe
kommt. Vor allem aber haben wir erlebt, wie gut Wein und Landschaft
zusammenpassen.
Als wir schließlich durch die schmale, schattige Lösshohlgasse zurück nach Ihringen
laufen, wird klar: Die Genussrucksäcke sind weit mehr als ein Picknick für unterwegs:
Sie sind eine Einladung, die Region Schritt für Schritt, Glas für Glas und mit allen Sinnen
zu entdecken. Oder wie Natascha es zum Abschied formuliert: „Man sollte Wein
genießen – natürlich in Maßen. Aber vor allem sollte man sich die Zeit nehmen, den Ort
kennenzulernen, an dem er entsteht.“ Und genau dafür sind diese Genusstouren
gemacht.
INFOS:
Lust selbst auf Genusstour zu gehen?
Die Mobile Weinprobe in Ihringen macht's möglich – täglich und ganz individuell. In der Tourist Information Ihringen erhalten Sie einen gefüllten Kühlrucksack mit drei Weinen der Kaiserstühler Winzergenossenschaft Ihringen sowie einen MP3-Player mit spannenden Informationen zu den Weinen und der Region. Die Wanderroute können Sie ganz individuell wählen - die Tourist-Information Ihringen gibt gerne aussichtsreiche Tourentipps.
Anmeldung: Tourist Information Ihringen, Tel. 07662 9301-0
Weitere Informationen zur Mobilen Weinprobe >>
Tipp: Nicht nur in Ihringen laden Genussrucksäcke zu genussvollen Entdeckungstouren ein. Im gesamten Naturgarten Kaiserstuhl gibt es zahlreiche Angebote, mit denen sich unsere Wein- und Genussregion individuell erkunden lassen.